„You can’t walk here…“

Der Obdachlose, von dessen Lippen dieses Verbot kommt, schaut grimmig zu uns rüber. Vielleicht hatte die alberne Mitarbeiterin des Ticket-Centers recht, als sie uns am Vortag hinterher sang: „And don’t talk to strangers.“ In vielen Fällen hätte uns dieser Rat vor einem unendlich langen Verkaufsgespräch auf offener Straße gerettet – man darf aber auch einfach nicht höflich sein, wenn einer jener ticket agents die verbale Falle spannt. Nicht lächeln, keinen Blickkontakt (also im Prinzip als sei man Autist) und bestens einfach nur undeutlich „No thanks“ nuscheln, sonst wird man bereits in einen Monolog von gigantischen Ausmaßen eingelullt, der immer auf die gleiche Weise endet: man möge dem Monologisten bitte Geld geben. Vielleicht wäre dies eine gute Gelegenheit, um eine exotische Fremdsprache zu lernen. Schwedisch zum Beispiel. Dann könnte man auf „Hey humans, wanna have a bus?“ einfach mal ganz schlagfertig mit „Hur lämpligt, du slåss som en ko“ antworten. 
Aber wie könnte dieser Satz nun zu Ende gehen? Vielleicht ist es eine Warnung und der Obdachlose zieht gleich eine Fliegenpatsche aus den Lumpen und fügt hinzu: „This is bat country.“ In diesem Fall würden die ständigen Stroboskoplichter nicht auf die Bildschirmreklamen des Times Squares, sondern auf übermäßigen Drogenkonsum zurückzuführen sein. 

Man kann sich in New York ohnehin häufig die Frage stellen, ob die Sinne einem einen Streich spielen, zum Beispiel bei nackten Frauen auf der Straße. Welcher Sinn einen leider niemals trügt, ist der Geruchssinn. Und da muss man leider sagen, dass die meisten Ecken von New York – dieser sagenumwobenen Metropole und place to be – olfaktorisch nicht zu empfehlen sind. 

Was jedoch uneingeschränkt empfohlen werden kann, ist die Uptown-Bustour mit Darius. Wer kein Geld für den Broadway übrig hat, bekommt hier eine Stadtrundfahrt mit Gesangs- und Tanzeinlagen geboten – inklusive Cover von Marilyn Monroes Klassiker „Happy Birthday, dear Mr. President“, welches Darius ähnlich sexy in sein Mikro haucht. Auch gesellschaftskritische Kommentare zum Medienkonsum bekommt man hier serviert, denn Darius weiß, dass er nichts weißt: „I might not be the smartest tour guide, but I have a smartphone.“ Wer es gerne kulinarisch mag, der sollte zu Debra auf den Bus klettern, denn hier erfährt man nicht nur, wo man die Suppe des Suppennazis aus Seinfeld, sondern auch wo man den besten Tofu findet (SpoilerAlarm: bei ihr zu Hause in der Küche). Was jedoch fast alle tour guides gemein haben, ist ihre Haltung zum aktuellen Präsidentschaftkandidaten, welche immer dann offenkundig wird, wenn wir eines der vielen Trump-Gebäude passieren. Eben jene Haltung trifft man auf offener Straße in vielfachen Formen, wie bei einem Bettler mit dem aussagekräftigen Schild „Give me one dollar or I’m voting Trump“ (der womöglich bald Millionär sein wird). 

Wenn wir schon bei Bustouren sind: Vorsicht ist geboten, wenn ihr bei eurer Nachttour von Frank begrüßt werdet. Seine Sandmännchen-Tour durch das Nachtleben von New York ist eher ein Nachtsterben.

Und so geht ein weiterer Tag zu Ende und der Obdachlose beendet seinen Satz: „You can’t walk here – without smiling.“ 

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